Geschlecht spielt in der persischen Sprache nur eine kleine Rolle

In meinem Studium ist mir aufgefallen, dass in Deutschland viel Wert auf geschlechtergerechte Sprache gelegt wird. In einem meiner Seminare an der Freien Universität Berlin fragte uns eine Studentin während ihres Referats, ob wir für geschlechtergerechte Sprache sind. Wir hatten vier möglichen Antworten: „ja“, „ja, aber“, „nein, aber“ und „nein“. Ich komme aus Iran. Als ausländische Studentin, die nicht immer mit deutscher Sprache klar kam, hörte ich den Begriff “Geschlechtsgerechtigkeit” zum ersten Mal. Für mich war dieser Gedanke sehr neu. Also stelle ich mich in die „nein“-Ecke und stand dort ziemlich alleine da. Ich überlegte sofort fieberhaft, ob das „Nein“ meiner Einstellung entsprach. Für mich hat jede Person eine Mischung aus weiblichen und männlichen Eigenschaften. Für Außenstehende ist es schwer, das Geschlecht einer Person zu bestimmen und ihr ins Gesicht zu sagen! Erst nach den Erklärungen der Referentin habe ich verstanden, was sie mit der Frage meinte. Ich  meldete mich und fragte, warum es überhaupt verschiedene Formen geben müsse. Ich erzählte, dass es in meiner Muttersprache nur eine Form für alle gibt. „Also werden alle männlich benannt?“, fragte unsere Dozentin. Neeeein! Das meinte ich nicht! Wie sollte ich mich aus dieser Situation rausholen?

Du kannst auf Persisch eine ganze Stunde über einer Person reden, ohne ihr Geschlecht zu erwähnen. In altpersischen Mythen kommen Gött*innen vor, die sowohl weiblich als auch männlich zugeschriebene Merkmale haben. Ein Vater, der Gebärmutter hat! Es wäre also verwirrend, solchen Gött*innen zur zwei Geschlechtern zuzuordnen. „Sie“ oder „Er“ würde sie nicht ausreichend beschreiben.Sprache ist politisch. Sie verkörpert Machtverhältnisse und transportiert Gedanken in die Welt. Wenn wir in unseren Gedanken die Ansicht über Geschlechter verändern können, kann das auch Sprache. Sprache ist lebendig!

 

Foto: Tim Mossholder on Unsplash

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Faezeh
Faezeh

Faezeh Rastegar unterstützt als studentische Mitarbeiterin die Wohnraumberatung für Geflüchtete in Treptow-Köpenick. Sie studiert Bildungs- und Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin als zweites Bachelorstudium. Davor hat sie in der Universität Teheran im Iran Stadtplanung studiert.

Faezeh Rastegar supports as a student employee the housing counselling for refugees in Treptow-Köpenick. She is studying educational sciences at the Free University of Berlin as a second bachelor's degree. Before that, she studied urban planning at the University of Tehran in Iran.

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