Der CABUWAZI in Treptow und Altglienicke: Kinder und Jugendliche stark machen mit Zirkus

Foto: Thomas Kierok
Text: Chris Möller, Julia Krautstengel
Interview: Julia Krautstengel

Kinder und Jugendliche stark machen, gemeinsam Zirkus auf die Bühne bringen und Grenzen überwinden – dafür steht CABUWAZI seit 25 Jahren. In diesem Jahr feierte der Kinder- und Jugendzirkus darum seinen Geburtstag mit einer großen Gala-Veranstaltung, die unter dem Titel „Grenzenlos“ die Arbeit der fünf Berliner Standorte vorstellte. Was damals in einem Kreuzberger Hinterhof begann, ist seitdem in Berlin und darüber hinaus gewachsen.CABUWAZI verbindet Zirkuskultur mit sozialem Engagement, weil die Manegenkunst zahlreiche verschiedene Disziplinen, Genres und künstlerische Strömungen bietet, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, die eigenen persönlichen Interessen zu verfolgen und individuelle Stärken zu entdecken. Als niedrigschwelliges außerschulisches Bildungs- und Bewegungsangebot stärken die Zirkustrainings nicht nur körperliche Fähigkeiten und soziale Kompetenz der Teilnehmer*innen, sondern fördern zudem ein harmonisches Zusammenleben und den Austausch von Kulturen – als Basis für eine lebenswerte, vielfältige Gesellschaft. Denn Zirkus macht stark. Und Zirkus verbindet – egal, welche Sprache man spricht.

Im Interview Max vom Platz Treptow

Max ist 22 Jahre alt und trainiert schon seit neun Jahren bei CABUWAZI Treptow. Hier hat er nicht nur seine Leidenschaft für die Partnerakrobatik entdeckt, sondern auch gelernt, was es heißt, sich vorurteilsfrei zu begegnen. Im Interview erklärt er, warum CABUWAZI Treptow fest zu seinem Leben gehört.

Wie bist du zu CABUWAZI gekommen?

Ich wohne hier im Kunger-Kiez seit meiner Geburt, meine Großeltern wohnen auch hier, meine frühere Kita ist hier direkt gegenüber, in der Bouchéstraße war meine Grundschule – CABUWAZI war deshalb schon immer präsent für mich. Freitags habe ich die Musik der Schulprojektwochen-Abschlussshows gehört und mich gefragt, was da los ist. Deshalb bin ich einfach mal zum Gucken vorbeigegangen. Nachdem ich in der Oberstufe meine Schulprojektwoche hier gemacht habe, bin ich dann richtig hier eingestiegen. Ich habe erst mit dem offenen Training angefangen, dann kam das Kugellaufen, Stelzenlaufen und Akrobatik sowie Trapez dazu.

Was magst du besonders an CABUWAZI?

CABUWAZI ist für mich wie eine Familie! Hier sind alle komplett offen, egal wie du bist. Als ich zu CABUWAZI kam, war ich ein sehr verschlossener Mensch, weil ich sehr viel als Kind gemobbt wurde. Hier habe ich eigentlich erst erfahren, was ein vorurteilsfreies Umfeld ist. Dadurch bin ich viel offener gegenüber anderen geworden. Das ist auch so, weil ich mich immer jemanden anvertrauen konnte von den Trainer*innen. Ich habe hier auch viele neue Freund:innen gefunden. Für mich bedeutet CABUWAZI, dass man komplett offen zu jedem sein kann, ohne Angst vor negativen Reaktion haben zu müssen.

Hat CABUWAZI einen Einfluss auf deinen Werdegang?

CABUWAZI hat meinen Berufswunsch sehr geprägt. Deshalb mache ich als Übergang mein Bundesfreiwilligendienst hier. Ich habe nach der Schule eine Ausbildung als Schlosser gemacht. Mir macht das unterrichten aber viel mehr Spaß, als irgendwelche Stahlträger zu tragen. Ich habe deshalb auch den kleinen Trainerschein gemacht und will jetzt in diesem Berufsfeld weiterhin arbeiten. Ich kann mir auch vorstellen, mich selbstständig zu machen und in den Projektwochen-Vormittagsbereich vor allem als Trainer zu arbeiten. Bei CABUWAZI Treptow ist es so, dass Jugendliche als Co-Trainer:innen-Besetzung tätig sein können, damit man schon mal mitkriegt, wie eine Gruppe angeleitet wird und was welcher Altersgruppen zugetraut werden kann. Jetzt will ich als Jugendtrainer in diese Richtung gehen. Ich möchte mich aber auch für Artist:innen-Schulen bewerben, um als professioneller Artist arbeiten zu können.

Wie sieht dein Alltag bei CABUWAZI aus?

Ich mache mein eigenes Training – Partnerakrobatik und Gruppenakrobatik vor allem, also mit unserer Fortgeschrittenengruppe bewerben wir uns auch auf mehreren Festivals, wie in Köln zum Beispiel beim „Circus Kicks Festival“. Da haben wir gewonnen! Wir wollten dort teilnehmen, um ein bisschen Erfahrung sammeln zu können. Die You n me Gruppe (Anm.: Jugendgruppe von CABUWAZI Treptow) ist eher eine Initiative, wo mehrere, ich bin da auch Mitglied und mache dieses Jahr die Regie, zusammen ein Stück konzipieren und umsetzten. Jeder kann zu uns kommen, der darauf Lust hat. Am besten ist am Anfang des Jahres, da fangen wir an, Nummern zu erarbeiten – jeder in seiner Disziplin und unter Eigenregie. Wir gucken dann auch selbst, dass jeder genug Zeit zum Trainieren hat und planen dann auch, welcher Trainer:innen einen am besten unterstützen können. Wir haben dieses Jahr auch eine Fahrt gemacht, also sind über das Wochenende weggefahren. Dieses Jahr hatten wir leider nicht die Geld- und Sachmittel, um noch einen/ eine Trainer*in zu buchen. Deshalb haben wir ein bisschen mehr Schauspiel geübt. Also die Älteren, Erfahrenen geben ihr Wissen weiter. Im Juni führen wir dann immer unser Stück auf.

Was machst du, wenn du mal nicht bei CABUWAZI bist?

Es ist eher schlafen und essen und trainieren (lacht). Ich probiere natürlich auch am Wochenende Zeit mit Freund*innen zu verbringen – dann gehen wir mal bowlen oder ins Kino. Drogen wie Alkohol und Zigaretten sind durch den Sport sowieso abgeschrieben.

Wahrscheinlich sind viele deiner Freund:innen auch hier bei CABUWAZI?

Ja, die meisten sind jetzt auch hier. Es haben sich auch dieses Jahr zwei oder drei meiner Freunde für die Artistenschule beworben, ich setzte noch ein Jahr aus. Da ich vor allem Duo-Akrobatik mache und meine Akrobatik-Partnerin macht dieses Jahr erst Abi und die Aufnahmeprüfungen zur gleichen Zeit wie die Abi-Prüfungen sind, und wir uns zusammen bewerben wollen, warten wir noch ein Jahr.

Was hat sich bei CABUWAZI verändert, seitdem du dabei bist?

Natürlich gab es viele Wechsel von Trainer:innen seit ich hier bin. Es war manchmal schade, aber das Leben geht weiter, und die Trainer:innen, die jetzt da sind, sind auch eine totale Bereicherung. Weil sie zum Beispiel neue Trainingsstile eingebracht haben. Die letzten größeren Veränderungen waren, dass die CABUWINZIGs jetzt täglich zwei Mal ihr Training haben (Anm.: Zirkus für Kinder von 4 bis 6 Jahren). Wir haben jetzt die ersten Kinder, die von den der CABUWINZIG-Gruppe in das offene Training wechseln, die sind so krass mit Leistung, weil sie es schon so lange machen. Ich bin ja zum Beispiel erst richtig spät eingestiegen, also mit elf, zwölf Jahren. Das Angebot ist auch größer geworden, weil Trainer:innen dazugekommen sind. Es ist auch so, dass wir jetzt noch mehr Trainingsequipment haben. Wir haben zum Beispiel jetzt einen Chinesischen Mast (6,7 Meter hoch) auf dem Platz. Wir haben dafür auch mittwochs Training angeboten, leider sind die Mittel dafür jetzt nicht mehr bewilligt worden, deshalb konnte der Trainer nicht mehr bezahlt werden.

Wie gut kennst du die anderen Plätze?

Ich war letztes Jahr auch in Altglienicke und war beim Jugendstück mit dabei und hab versucht, mein Wissen zu vermitteln. Aber dort gibt es eine Trainerleitung, der mit den Jugendlichen das Stück macht.

Wie ist es zu dem Austausch gekommen?

Über Freundschaften. Wir sind untereinander ein bisschen befreundet, weil wir uns mal bei Außenauftritten getroffen hatten, ein bisschen gequatscht und zusammen trainiert hat. Wir gucken auch gegenseitig unsere Shows an und dadurch ist die Freundschaft entstanden und dann haben sie gefragt, ob wir nicht einmal eine Produktion zusammen machen wollen. Dann ist es leider nicht dazu gekommen, weil wir 10 jähriges Jubiläum hatten von der you an me Gruppe. Somit habe ich dann gesagt, dass ich trotzdem auf den Platz komme, um einfach mal ein anderes Wissen anzueignen, wie ein Stück noch erarbeitet werden kann. Unter Traineranleitung war das dann auch was anderes, als bei uns, weil er sagt, wie es gemacht wird. Also ich hatte das Gefühl, dass der Trainer dann doch so 70 Prozent der Entscheidungen getroffen hat. Aber sonst haben sie auch sehr viel in Eigenregie gemacht.

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CABUWAZI in Treptow und Altglienicke - zwei ganz besondere Orte

Die Standorte in Treptow und Altglienicke bauen – wie auch alle anderen Standorte – ganz auf den zirkuspädagogischen Ansatz der Grenzüberwindung: sowohl auf der Makroebene in der sozialpolitischen und pädagogischen Ausrichtung, als auch im Detail, in der konkreten Arbeit mit jeden einzelnen Trainingskind. In den Kursen wachsen die jungen Artist*innen nicht nur über ihre eigenen Grenzen hinaus, sondern auch in ein soziales Gefüge hinein, das sich gegenseitig stützt und stärkt. In einer Akrobatikpyramide muss jeder jeden festhalten und stützen, kommt es auf jeden Einzelnen an. Das stärkt das Verantwortungsgefühl, die Teamfähigkeit.Mit speziellen Angeboten für finanziell schwächere Familien und z.B. Willkommensklassen arbeiten die Standorte strukturell aktiv an der Offenheit ihres Angebots.

CABUWAZI Altglienicke liegt zwar am grünen Stadtrand, aber doch mitten in einem Neubaugebiet, das wenig Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche bietet. So sind CABUWAZI und der daneben liegende Abenteuerspielplatz und Kinderbauernhof Waslala Anziehungspunkte für die Altglienicker Kinder und Jugendlichen aus dem Kosmosviertel.Bei CABUWAZI Treptow wurde in den letzten Jahren auf inhaltlicher Ebene mit speziellen Weiterbildungen und Kooperationen ein besonderer Bereich der Zirkuspädagogik vorangebracht. In enger Zusammenarbeit mit klinischen Therapeut:innen  entwickeln die Standortleiterinnen und Trainer:innen eine neuartige Zirkustherapie für Heranwachsende mit psychischen Erkrankungen wie ADHS, Depression oder Angst- und Essstörungen: ein neues Basis-Konzept, das die bestehende psychiatrische Therapie so einfach wie effektiv ergänzt und das künftig bundesweit eingesetzt werden soll. Landesgrenzen überwindet CABUWAZI Treptow auch im regen Austausch mit Jugendeinrichtungen auf der ganzen Welt.

Ganz konkret besteht seit mittlerweile fünf Jahren eine Kooperation mit dem griechischen Partner Youthnet Hellas. Jedes Jahr bekommen 35 Jugendliche aus Berlin und Mirtos die Gelegenheit, die jeweils andere Lebenswelt intensiv kennenzulernen, ein besseres Verständnis für das Partnerland zu entwickeln und die Eindrücke in einer selbsterarbeiten Bühnenshow zu vermitteln. Das Angebot richtet sich – wie die meisten der in Treptow durchgeführten Projekte – besonders an Jugendliche, die sonst keinen Zugang zu weiterführenden Bildungsangeboten haben und die Themen, die diese Jugendlichen beschäftigen werde in den Shows aufgegriffen und einer breiten Öffentlichkeit sichtbar gemacht. In den vergangenen Jahren ist in dieser Zusammenarbeit immer eine Auseinandersetzung mit den ganz großen politischen Fragen dieser Zeit entstanden – Umweltschutz, digitale Kommunikation oder die immer komplexer werdenden Faktoren der eigenen Persönlichkeitsentwicklung wurden viel diskutiert und in sehr persönliche Zirkusnummern übersetzt.

Diese beiden Projekte stehen stellvertretend für die kontinuierliche Arbeit für Grenzüberwindung, Barrierefreiheit und Verständigung, die in weiteren 25 Jahren hoffentlich weiterhin große Wellen schlägt.Auch bei CABUWAZI gibt es ein ganz neues Projekt: Seit dem 6. Oktober 2019 gibt es das kostenlose Angebot „Benibrik“. Bis Dezember begrüßen wir euch jeden Sonntag von 14:00 bis 18:00 Uhr zum „Zirkuskurs Benibrik“. Thema des Kurses ist der Zirkuskünstler Houssein ben Ibrik und seine Frau Gertrude Appelt, die im zweiten Weltkrieg voneinander getrennt wurden.„In einer Zeit, in der Menschen nach ihrer Herkunft kategorisiert werden, finden Getrude Appelt und Houssein ben Ibrik im Zirkus zueinander und trotzen dem mit ihrer Liebe …

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Im neuen Zirkuskurs „Benibrik“ wollen wir ihrer Geschichte nachgehen und verschiedene Zirkusdisziplinen trainieren.“Hier könnt ihr mehr über die Geschichte lesen. Neben spezieller Projekte können Kinder und Jugendliche von 7 bis 19 Jahren an beiden Standorten an dem kostenlosen Nachmittagstrainings teilnehmen. Die Trainingspläne gibt es hier: https://cabuwazi.de/presse/Außerdem öffnen die verschiedenen Standorte ihre Zelte regelmäßig für die Öffentlichkeit: An Familiennachmittagen, Tagen der offenen Zelte und bei Festivals mit internationalen Künstler*innen aus dem engeren und weiteren Zirkusumfeld können die Besucher*innen Zirkusluft schnuppern und sich ausprobieren. Die Termine finden alle Interessierten im Programm unter www.cabuwazi.deIn den Ferien bietet CABUWAZI außerdem Projektenwochen an: Von Montag bis Freitag lernen die Teilnehmenden das Zirkusleben kennen. Am Freitag wird das Gelernte vor dem staunenden Publikum präsentiert. Tickets können unter www.cabuwazi.de gebucht werden.


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Gastbeiträge kommen von engagierten alten und neuen Nachbar*innen und Projekten in Treptow-Köpenick und darüber hinaus. Unterm Artikel steht, wer's geschrieben hat.
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