Unsere Wohngemeinschaft - ein Ort der Begegnung

Unsere WG existiert jetzt seit einem guten halben Jahr, also ziemlich genauso lange, wie wir uns kennen. Wir, das sind Maiko aus Eritrea, Ehsan aus dem Iran und ich, Frederik, aus dem Berliner Osten.

Mit den Themen Flucht & Migration war ich bis dahin schon einigermaßen vertraut. Es beschäftigte mich punktuell in der Ausbildung, auf einigen Seminaren und im privaten Umfeld. Meine Familiengeschichte ist von Wanderungsbewegungen durchkreuzt: mein Vater, dessen Kindheit und Jugend vom Krieg gezeichnet war, flüchtete als junger Schüler vom Land in die Stadt. Als Student ging er schließlich von Vietnam in die DDR. Mein Onkel wuchs in der DDR auf, doch sein Wille zur Grenzüberschreitung brachte ihn zunächst ins Gefängnis und dann in die BRD. Und meinen Großvater verschlug es in die USA, noch bevor Deutschland durch Zäune, Stacheldraht und Mauern geteilt wurde.

Trotz dieser Hintergründe waren die Geschehnisse ab 2015 – als so viele Menschen nach Deutschland kamen – kein besonders bequemes Diskussionsthema in der Familie. In meiner Umgebung waren zudem gesellschaftliche Risse spürbar, als eine Unterkunft für Geflüchtete eingerichtet wurde. Für mich war es jedenfalls kein Weg, sich einfach rauszuhalten. Als Ausdruck meiner Position wurde ich unter anderem Mitglied bei Pro Asyl, einer Organisation, die sich häufig in Einzelfällen für das Recht auf Asyl einsetzt - ein Recht, das vor und nach 1945 unzählige Deutsche in Anspruch nahmen; ein Recht, welches seit geraumer Zeit verfassungs-, europa- und völkerrechtlich verankert ist; und ein Recht, das heute immer weiter eingeschränkt wird.

In vielen Köpfen haben sich hierzulande längst Ängste, Verallgemeinerungen und Fehlvorstellungen gegenüber zugewanderten Menschen manifestiert, die die Entkernung des Asylrechts katalysieren, die Gräben in der Gesellschaft vertiefen, Integration erschweren und somit eine Reihe von sozialen Problemen erst erzeugen. Negative Assoziationen beim Gedanken an Einwanderung verdichten sich. Und einige führende amtstragende Personen und nicht wenige Abgeordnete forcieren diese Prozesse mit ihren rhetorischen Entgleisungen und kalkulierten Tabubrüchen, um politisches Kapital daraus zu schlagen, und vielleicht auch um ihre Schwächen auf anderen wesentlichen, drängenden Feldern zu kaschieren. So entsteht ein Zerrbild der Realität, während in Wirklichkeit viele Menschen fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit immer mehr zum Teil dieser Gesellschaft werden. Für diese Menschen wird dieses Land mit jedem Tag ein Stück mehr zum neuen Zuhause.

Für zwei der neuen Nachbar*innen ist unsere WG ein Teil des Zuhauses. Ich habe Respekt vor ihrem unbeirrbaren Hunger nach Sprache, Ausbildung und Arbeit sowie ihrem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Freundschaft und Familie. In der WG gibt es einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Es sind engere Verbindungen entstanden und wir unternehmen häufig Dinge gemeinsam, wie etwa Kochen, Sporttreiben und Ausgehen. Manchmal verlieren wir uns auch in stundenlangen Gesprächen. Ehsan sagte letztens zusammenfassend, wir seien keine WG, sondern ein kleines „Wohnprojekt“.

Im Rahmen des Zusammenlebens in diesem Wohnprojekt bin ich auf eine kleine Entdeckung gestoßen: die Kraft der Begegnung. Die Begegnung kostet in der Regel keine Energie, ganz im Gegenteil. Alles was sie verlangt, ist ein Mindestmaß an Offenheit. Ich hatte diese Kraft zuvor unterschätzt und hier schließlich die Erkenntnis gewonnen, dass durch die bloße Schaffung von Gelegenheiten zu Begegnungen Berührungsängste abgebaut und gesellschaftliche Gräben überwunden werden können. Familie, Freund*innen und die Nachbarschaft haben sich gegenüber uns nicht verschlossen. Sie sind uns mit Kontaktfreude entgegengekommen, was ich sehr schön finde. Wir haben oft Besuch und Gäste da. So ist das ursprünglich Unbekannte für alle Seiten zur Normalität geworden.


About the author
WG aus Treptow-Köpenick
WG aus Treptow-Köpenick

Frederik, Maiko und Ehsan kommen aus Deutschland, Eritrea und Iran. Sie wohnen zusammen in einer WG in Treptow-Köpenick. Die drei schreiben abwechselnd für RawafedZusammenfluss aus ihrem WG-Leben und berichten von persönlichen Erfahrungen und Eindrücken.

Frederik, Maiko and Ehsan come from Germany, Eritrea and Iran. They live together in a shared flat in Treptow-Köpenick. The three write in turns for RawafedZusammenfluss from their shared life and report on personal experiences and impressions.

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